Wann immer René Weiler über das Spiel beim FC Bayern sprach, klang er nicht besonders hoffnungsfroh. Er sei kein Fantast, sondern Realist, und in München beim Auftakt der Champions League gehe es in erster Linie darum, überhaupt zu bestehen. „Selbstverständlich schließe ich einen Lucky Punch nicht aus“, sagte der Trainer des RSC Anderlecht, doch in den vier Spielen gegen die Gruppenfavoriten Bayern und Paris Saint-Germain „wird es wohl wenig zu gewinnen geben“.
Am Dienstagabend, beim 2:0 (1:0)-Sieg des FC Bayern gegen den belgischen Meister, durfte sich der frühere Trainer des 1. FC Nürnberg zwar vom Ergebnis her bestätigt fühlen. Die Gelegenheit, sich nach den jüngsten Debatten und der 0:2-Niederlage in der Bundesliga bei der TSG Hoffenheim ihrer selbst zu vergewissern, hatten die Bayern allerdings verpasst. Schwerfällig und weiterhin nicht überzeugend waren sie über weite Strecken der Partie aufgetreten. Ein Lucky Punch für Anderlecht wäre durchaus möglich gewesen, obwohl die Gäste nach der frühen roten Karte gegen Sven Kums (11.) fast das gesamte Spiel in Unterzahl agieren mussten.
Zusammenspiel stockt erneut erheblich
Robert Lewandowski (12./FE), Thiago Alcántara (65.) und Joshua Kimmich (90.) erzielten die Tore zum erst gegen Ende klaren 14. Auftaktsieg in Serie, der das Brodeln beim deutschen Branchenführer aber kaum nachhaltig beruhigen dürfte. Vor allem dank ihrer individuellen Überlegenheit hatten die Bayern gewonnen, das Zusammenspiel aber stockte lange Zeit erneut erheblich.
Wie angespannt die Gemengelage bei den Münchnern ist, ließ sich auch an Carlo Ancelottis Aussagen vor dem Spiel ablesen. „Die Kritik ist zu viel. Ich bin es gewohnt, kritisiert zu werden, aber um ehrlich zu sein, ist es zu viel. Ich bin nicht von gestern“, hatte der Trainer des FC Bayern bei Sky gesagt und sich auch noch einmal in der Causa Thomas Müller beschwert: „Müller findet auf dem Platz immer die richtige Position. Ich habe ihn noch nie als rechten Flügelspieler eingesetzt, weil ich nicht dumm bin. Ich weiß, dass er kein Flügelspieler ist.“
Gegen Anderlecht fand Müller allerdings jenen Platz, der nach Müllers Meinung nicht der richtige ist. Wie Mats Hummels, Sebastian Rudy und Kingsley Coman saß der Nationalspieler zunächst auf der Bank. Dafür rotierten im Vergleich zu Hoffenheim Niklas Süle, Arjen Robben, Frank Ribéry und James Rodríguez in die Startelf. Eine sehr offensive Formation also, von der sich Ancelotti erhofft hatte, einen überzeugenden Auftaktsieg herauszuschießen, mit dem die aktuelle Unruhe eingedämmt wird. Und damit auch jene Nebengeräusche, die ein Kollege am Dienstag noch einmal verstärkt hatte, der immer häufiger als potenzieller Nachfolger von Ancelotti genannt und auch in der Münchner Klubführung geschätzt wird. „Der FC Bayern spielt in meinen Träumen schon eine etwas größere Rolle“, hatte Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann bei Eurosport gesagt. Er sei zwar sehr glücklich mit seinem Leben, aber: „Der FC Bayern würde mich noch ein Stück glücklicher machen.“
Bayern können Überzahl nicht ausnutzen
Zumindest für den Moment machte der FC Bayern Ancelotti nicht noch ein Stück unglücklicher. Zu tun hatte das nach einer ersten Chance durch James allerdings auch mit jener Szene, die kurz darauf die Führung nach sich ziehen sollte. Nach Corentin Tolissos Steilpass auf Lewandowski war der Pole von Kums an der Schulter umgerissen worden. Lewandowski, zuletzt als Kritiker der vergleichsweise zurückhaltenden Münchner Transferpolitik auffällig geworden, verwandelte den Foulelfmeter sicher.
Nach Kums Platzverweis war es nun eine Versuchsanordnung, die bei der sich der FC Bayern eigentlich hätte austoben können wie ein erster Herbststurm. Doch den Münchnern gelang es nicht, über Weilers Mannschaft hinwegzufegen. Viele Angriffe versiegten, spielerisch bestätigten sie eher jene Kritiker, die Ancelottis Belegschaft zu viel Statik ankreiden und vom Trainer eine übergeordnete Leitidee vermissen. Es sprach auch nicht für die uninspirierten Münchner, dass Anderlecht sogar in Unterzahl große Möglichkeiten zum Ausgleich besaß. Wie kurz vor der Pause durch Nicolae Stanciu und vor allem zu Beginn der zweiten Halbzeit, als Alexandru Chipciu den Pfosten traf. Erst als Thiago nach Joshua Kimmichs Hereingabe einschob, war der Auftaktsieg ungefährdet.